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IL MARE E LA TORTA - DAS MEER UND DER KUCHEN
Österreich 2003 l 60 min l Digi Beta l 4:3 l Stereo l Englisch, Italienisch
(mit engl. UT)
Welturaufführung: Viennale 2003
Internationale Premiere: IFF Rotterdam 2004
Kinostart 3. Juni 2004 im TOPkino
Regie & Drehbuch: Edgar
Honetschläger
Musik: Giovanni Sollima, Giacco Pojero and Nino Vetri
Kamera: Edgar Honetschläger, Thomas Woschitz, Giovanni D´Angelo, Martin
Putz
Schnitt: Thomas Woschitz
Ton: Peter Waldenberger
Produzenten: Gabriele Kranzelbinder, Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Edgar
Honetschläger
Produktion: Amour Fou Filmproduktion
Förderungen: Kultur Land Oberösterreich, BKA, Stadt Wien
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Festivals:
Viennale 2003
Rotterdam 2004
Buenos aires 2004
Diagonale 2004
Crossing Europe 2004
Sao Paulo 2004
Ein filmischer Essay über Palermo und Sizilien
Goethe hat die fadesten Geschichten über Sizilien geschrieben - dachte
ich immer - bis ich ihn in einer Taverne in Palermo traf. Graugelockt,
die feinen Gesichtszüge von Alkohol durchtränkt, war er bereit mich durch
Sizilien zu begleiten. Friedrich II, der Stauferkaiser, war auch dabei,
in der arabischen Schule, in der die Kinder bunt von Toleranz zwitscherten,
während der Ex-Bürgermeister Leoluca Orlando, umgeben von Bodyguards,
einen Christbaum in seinen prunkvollen Salon schleppte. Von Besänftigung
wollte der Ätna nichts wissen, also war der Star-Cellist Giovanni Sollima
gekommen um ihn herauszufordern - beide spieen - im Takt. Und ein Schild
tauchte auf, "Non e un Film di Mafia", über dem Müll, den die Stadt dem
Meer geschenkt hat - gerade als das Gewissen, die Mafia Fotografin Letizia
Bataglia, sich in einen Stuhl setzte. Bleiben noch die Musikanten auf
der Apsis des Normannendoms Monreale, die wie ein Muezzin, ein Gedicht
von Dylan Thomas in das Land schreien, das mir immer wie ein einziger
großer Kuchen im Meer vorkommt.
Wenn ein Sizilianer „conscious of identity“ sagt, klingt das
wie ein arabisches Mantra. Das liegt wohl daran, dass man sich im Kreis
drehen muss, um sizilianische Identität zu begreifen: im Kreis nach
allen Himmelsrichtungen, denen sich die geheimnisvolle Mittelmeerinsel
seit jeher geöffnet und immer wieder verschlossen hat; im Kreis mit
der Geschichte, der man hier begegnet, als wäre sie mit der Gegenwart
verschmolzen, um die Zukunft zu verhindern.
Bald nach Beginn von Il Mare e la Torta lässt Edgar Honetschläger
hoch über seinem Kopf die Heiligen kreisen, die vom Deckenmosaik
einer Domkuppel herab über die Ordnung zu wachen scheinen, welche
die Christen im fortwährenden Kampf gegen den Islam verteidigen zu
müssen glaubten. Doch man muss sich nur oft genug im Kreis drehen
und die Spuren aufnehmen, die zwischen monumentalen Ruinen und dem alltäglichen
Chaos der Städte, zwischen den Gesichtern der Einheimischen und den
Worten der Dichter und Denker Zeugnis davon ablegen, dass sich die islamische
Kultur hier ebenso dauerhaft eingerichtet und Lebensstimmungen geprägt
hat wie die gesichtslos agierende Mafia.
Die Spuren, die Honetschläger auf seiner Entdeckungsreise durch Sizilien,
seinen Streifzügen durch Palermo verfolgt, führen allerdings
nicht zu Aussichtspunkten, von denen aus man den Alltag oder die Geschichte
der Insel überblicken könnte – oder zu Endpunkten, über
denen „Erkenntnis“ geschrieben steht. Viel eher lässt
er sich vom ambivalenten Flair der Orte bezaubern, an denen die Geschichte
sich in Mythen bricht: Mythen, die sich ins Stadtbild eingeschrieben haben,
in Erzählungen fortleben oder als lebendig gewordene Filmgestalten
diesen Zauber weitergeben.
So etwa der deutsche Dichterfürst Goethe (Pietro Cacopardo), den
Honetschläger als neugierigen, etwas verloren wirkenden Fremden durch
das Land irren und nirgendwo – schon gar nicht bei einer klugen
und wortgewaltig mitgeteilten Beobachtung über Land und Leute –
ankommen lässt. („Goethe ist so phantastisch für die deutschen
Leute, aber so schlecht für die Sizilianer“, muss er sich schließlich
von einem Einheimischen anhören.)
Oder Friedrich II, der legendäre Stauferkaiser, der die Insel und
deren kulturelles Selbstverständnis noch immer zu beherrschen scheint,
aber in „Il mare e la torta“ letztlich auf so schillernde
Weise gestaltlos bleibt wie die bizarren Klänge der Geräuschmaschine,
die angeblich alle Geräusche Siziliens enthält und die sich
Honetschlägers Goethe, wie andere Touristen auch von einem sinistren
Händler andrehen lässt. So wie die Mythen vermengen sich auch
die „Geräusche Siziliens“ mit der Geschichte und der
sich kaleidoskopisch darin spiegelnden Gegenwart der Insel.
Mehr als das Porträt einer Insel und ihrer Geschichte ist „Il
mare e la torta“ daher ein Kosmos an Stimmungen, die Honetschläger
als berauschendes Ensemble von Bildern und Klängen einfängt
und in assoziativ angelegten Motivmontagen wiedergibt.
Das einzige Monument in diesem Kosmos, das allen Kreisbewegungen der Geschichte
wie auch allen kreisenden Annäherungsversuchen durch gegenwärtige
Betrachter trotzt, ist der Ätna. Mächtig ragt der Rauch und
Feuer speiende Riese aus dem Hintergrund des zerklüfteten Lavafeldes,
auf dem der Cellist Giovanni Sollima dem Grollen des Vulkans mit einem
passionierten Solo kontert – und den Betrachter seine Spurensuche
für einige Minuten vergessen und in einem beseligenden Gefühl
der Geschichtslosigkeit versinken lässt.
Robert Buchschwenter
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