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Die Farbe Deiner Socken - Ein Jahr mit Pipilotti Rist
The Colour of Your Socks - A Year with Pipilotti Rist


Zum Inhalt

"Auf unserer Netzhaut haben wir Zäpfchen, für blau, rot und grün, diese Zäpfchen müssen wir reizen." Ein Zitat bringt auf den Punkt, mit wem wir zu tun haben. Vom ersten Moment des Dokumentarfilms von Michael Hegglin wird klar: Pipilotti Rist ist eine Künstlerin, die ihr Publikum gerne reizt, eine, die lustvoll in Farben schwelgt. In Pepperminta, der Protagonistin in Rists erstem Spielfilm, die diese Worte spricht, steckt viel von der Schweizer Künstlerin selbst. Es geht um "eine Art Augapfelmassage. Wenn wir die richtige Kombination finden, können wir die Angst besiegen."

Hegglin hat Rist unter anderem zu den Dreharbeiten für diesen Film begleitet. Ein Jahr lang war er mit der Kamera dabei, wenn Pipilotti Rist ihr Publikum dazu bringt, Gewohnheiten abzustreifen und sich sinnlich auf ihre Kunst einzulassen. Dass das nicht immer einfach ist, wird klar, wenn Rist mit den Guides im New Yorker MoMA diskutiert, wie man die Besucher dazu bringen könnte, die Schuhe auszuziehen.

Wer die Schuhe auszieht, den erwartet bei Rist stets noch nie Gesehenes. Hegglins präzis beobachtende Kamera fängt die Stimmung und Faszination ein, die Rist mit ihrer Arbeit entfacht. So entführt er uns zu spektakulären Videoinstallationen bei der Biennale in Venedig, die im Liegen zu betrachten sind. Er erlaubt versteckte Einblicke in Abgründe im Kunsthaus Zürich und bringt uns an die Universität Zürich, wo ein riesiges Sofa als Denkmal für die erste promovierte Juristin der Schweiz enthüllt wird. Auf dem dürfen honorige Professoren lustvoll herumturnen und sich wieder als Kind fühlen.

Hegglin lässt die Zuschauer eintauchen in die Farben- und Bilderwelt Rists, zeigt aber ebenso die Arbeit, die dahinter steht, das Unternehmen Pipilotti Rist. Dabei wird klar: Sinnliches Erleben hat für Pipilotti Rist auch im Alltag hohen Wert. Momente höchster Konzentration unterbricht sie gern mit der fundamental wichtigen Botschaft: "Jetzt können wir eigentlich essen."



Birgit Kempker zum Film

Es gibt kein Außerhalb im Universum

einer Queen, deshalb ist diese Doku hier ein Teil von ihr.

Diese Doku ist sehr protestantisch, sie übertreibt nicht und ist so uneitel, wie sanft, parallel, ruhig, reisend, mitschwingend, fliegend, leicht lächelnd über Liebenswürdiges mit dem Kameraauge schweifend, im Wesen aber verschwiegen und auf distanzierte, brüderliche, höfliche, und dadurch paradoxerweise grenzgängerische Art intim, denn die Grenzen so von innen beachten, zeigen und gleichzeitig ausführen, ist beträchtlich mitwissend und übergriffig. Auch das Wort und die Sache: Übergriff bekommen eine ganze neue beinah euphorische Bedeutung im Imperium der Pipilotti Rist, hier Queen genannt, wie überhaupt Begriffe und Körper leicht aus ihren Semantiken herausgehebelt und Bedeutungskäfigen gekippt und gekippelt werden. Siehe: Der Körper von Pepperminta ist die Alpen. Die Farben sind Hypnoseinstrumente gegen die Angst. Die Besucher bitte im Flug erwischen und die Farbe ihrer Socken sehen wollen, damit sie leichter die Schuhe ausziehen. Die spirituellen Helfer da nehmen und instruieren und ihnen danken, wo sie sind, auch im Museum. Danke fürs noch mal Verunsichern. Danke fürs Hüten. Wie sich hier bewegen? Den Körper ausschütten. Sich eigentlich ein bisschen mehr herausnehmen können im Leben mit diesen ausgeschütteten Körpern. Solche Sätze und Sachen können hier gesehen werden und wie sie Osmose und andere Physikstundensachen treiben.

Diese Doku ist eine Hofsberichterstattung. Es gibt Innengemächer für das Kind, die Gespielen, anderes, vieles, das ist und die sind tabu. Die Zeremonienmeisterinnen sind in Pink. Die Queen ist scheu, müde, aufgedreht, herzlich, in wunderbarer Kostümierung, meist Hosenröcke und knäbisch, schottisch, ritterlich, ich will nicht sexy wirken, sagt sie und mimt einen Seemann, burschikos und fragil, eine aufpolierte Hausfrau aus der Kühlschrankwerbung, subversiv spöttisch aufreizend, übermüdet, heiter und traurig, tapfer, besonders super tapfer und übermütig, die sind so nett, ich fühl mich wie ein Baby, sagt sie schön, eine reine Augenweide, eine "Augapfelmassage", die Stäbchen reizend, wie in Pepperminta über die Rezeptur des Sehens gesagt wird, eine interplanetarische Metaverscheuchung durch das Material selbst. Der Staat dieser Queen ist selbstbewusst, kann viel, lernt viel, macht viel mit, er ist unterstützend, etwas stolz und einfach reizend, und wenn sie mit Projekten unterwegs sind, als Rasselbande und bald Business fliegen, wenn die Museen größer werden, dann hält diese Queen trotz Magenweh und Zieperleins, im fremden Staat selbst Hof mit ihrem Staat auf eine natürliche, dem blauen Blut halt eigene, unverfrorene, verführerische und anmutige, hippen Hasen, Trickstern und anderen Befreundeten, dem Nirwana abgesehene, flickrige, funkelnde Weise. Einblick in diese Reisen und Weisen, transportiert diese Doku. Rock your eyeballs baby, see me, sagt sie, truly Pipilotti.

Birgit Kempker

 


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