zurück

 

Die Farbe Deiner Socken - Ein Jahr mit Pipilotti Rist
The Colour of Your Socks - A Year with Pipilotti Rist


Interview mit Michael Hegglin

Seite 1 2 3


BK: Was war/ist anwesend, jedoch unsichtbar im Film?
MH: Was im Film anwesend, aber unsichtbar ist: Pipilottis inneres Röhrensystem, in das auf der einen Seite Anfragen, Bitten um Auskünfte, Aufforderungen und manchmal Dreistigkeiten eingefüttert werden und am andern Ende Vorschläge, witzige Ideen, Freundlichkeiten und ein abgeklärtes Lachen herauskommen.

BK: Nähe, Distanz, Freiheit, Abstraktion; welche Rolle haben diese vier Modi beim Drehen und Schneiden gespielt?
MH: Nähe und Distanz brauche ich bei meiner Arbeit immer zugleich. Ich kann mir einen Dokumentarfilm, bei dem jede Nähe zu den Menschen im Film fehlt, genau so wenig vorstellen wie die absolute Distanzlosigkeit. Denn Distanzlosigkeit führt schnell dazu, dass man nicht mehr wach ist beim Schauen. Genau deshalb reisen doch viele künstlerisch arbeitende Menschen so oft, damit sie ihren Blick immer wieder schärfen können. Ich jedenfalls muss in meiner Arbeit nach beiden Polen hin offen sein und je nach Situation mich mal näher ran und mal weiter weg begeben. Die Freiheit ist bei Dokumentarfilmen naturgemäß nicht grenzenlos. Aber aus der Nähe besehen ist sie auch nicht viel kleiner als bei einem fiktionalen Film. Die spürbarste und oft schmerzlichste Grenze ist die finanzielle. Das ist beim Spiel- wie beim Dokumentarfilm so. Doch manchmal ermöglichen Einschränkungen auch Höhenflüge. Das Geld reicht nicht, um eine bestimmte Situation zu drehen, die erst einen Tag später stattfindet. Dafür packt man heute eine überraschende, sich zufällig bietende Gelegenheit, und daraus wird vielleicht der Höhepunkt des Films. Abstraktion spielt beim Schnitt ganz entscheidend mit. Die  Einstellung A, direkt gefolgt von der Einstellung C, ohne den Umweg über B, kann Gewichte verschieben, die einem Film plötzlich eine andere Richtung geben. Aber auch beim Drehen ist Abstraktion ein ständiger Begleiter, den man aber immer wieder ans Geschehen vor der Kamera anbinden muss. Dabei ist das schlafwandlerische gemeinsame Grundverständnis, wie ich es mit Peter Hammann, aber auch mit dem Tonmann Stephan Pauly habe, ganz wichtig. Denn meist bleibt gar kein Raum für lange Absprachen.

BK: Geschwindigkeit und Langsamkeit, beim Drehen, beim Schneiden und jetzt beim Sehen des Filmes, ....
MH: Die Geschwindigkeit beim Drehen wird sehr stark durch das Geschehen vor der Kamera bestimmt. Manchmal muss es blitzschnell gehen, Verständigung nur mit andeutender Kopfbewegung. Dann, beim Schnitt, wird der Rhythmus sehr wichtig. Es ist beim Dokumentarfilm, wie man ihn uns aus dem angelsächsischen Raum vormacht, üblich geworden, möglichst clipmäßig zu montieren. Das mag ich weniger. Die Filmhandlung wird dadurch unüberprüfbar und verliert an Authentizität und Glaubwürdigkeit. Viel lieber ist es mir, mit den szenenimmanenten Geschwindigkeiten zu operieren. Einer meiner liebsten Momente im Film ist einer der langsamsten: vor der Voraufführung von Pepperminta, als der Film lange nicht anfängt. Alle warten, bis Pipilotti die Stille unterbricht: "Jetzt müssten wir eigentlich anfangen, dramaturgisch gesehen." Aber natürlich habe ich mit dem Cutter Oliver Neumann gerafft, was das Zeug hält, beschleunigt - nur so kann aus dem Ganzen ein Film werden.

BK: Was ist Humor für Sie, Schatten und Licht davon im Sockenfilm bitte:
MH: Humor, da können wir gleich anschließen beim "dramaturgisch gesehen": der plötzliche, unerwartete Perspektivenwechsel ist sicher eine der Hauptzutaten. Er findet sich bei Pipilotti zuhauf. Ich will jetzt aber nicht all die lustigen Momente des Films nacherzählen. Etwas überrascht bin ich über die Frage nach dem Schatten des Humors. Spontan würde ich dem Humor den Schatten eigentlich absprechen. Aber wenn ich es mir genauer überlege, ist Humor natürlich die oft einzig mögliche Reaktion in einem fest gefügten Umfeld, das sich zwar nicht verändern lässt, innerhalb dessen es aber doch Bewegungsmöglichkeiten gibt - scheinbare vielleicht. Da trifft sich womöglich der Humor mit der Kunst überhaupt, die ja sehr oft nicht gegen die Verhältnisse ankommt, sondern diese nur in Frage stellen kann.


Seite 1 2 3

 

 


 


zurück