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Die Farbe Deiner Socken - Ein Jahr mit Pipilotti Rist
The Colour of Your Socks - A Year with Pipilotti Rist
Interview mit Michael Hegglin
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Birgit Kempker: Welche Szene, ob wirklich gedreht oder nur vorgestellt, vermissen Sie am heftigsten in diesem Film?
Michael Hegglin: Ich vermisse Dutzende, am meisten vielleicht die von Venedig, als bei einem Essen mit 200 Leuten in einem ehrwürdigen Palazzo der Galerist Iwan Wirth zu einer Rede anhebt ("Dear Pipilotti...") und diese, geplagt von Schüchternheit, unter den Tisch verschwindet. (Sie taucht schließlich wieder auf und sagt, Zeit gewinnend: "I do a speech later".)
BK: Was war das - heimliche?- geheime?- Mantra während dieses Jahrs mit Pipilotti?
MH: Was ist eigentlich ein Mantra? Etwas, das man innerlich ständig betet, oder so. Lieber Gott, mach, dass ... Gebetet habe ich wenig während dieses Jahres. Aber die Drehtage waren alle Geschenk. Diesem Positivdrall kann man sich nicht entziehen. Nicht: Was läuft schief? Wer ist blöd? Sondern: Wie könnten wir's auch noch machen? Überhaupt: Wir können etwas machen. Lass es uns tun.
BK: Gab es mal einen Moment von Scham, haben Sie sich mal geschämt oder jemand anders, oder jemand beim Sich-Schämen gesehen und was ist dann passiert?
MH: Ja, gab es. Zum Beispiel bei unserem ersten Treffen, in der obersten Etage eines Hochhauses in Guadalajara, wo eine Galerie untergebracht war. Ich traf Pipilotti Rist vor der Vernissage. Es war für mich ein schwieriger Moment, denn ich wollte sie, die ich bis dahin persönlich nicht kannte, davon überzeugen, in einem Dokumentarfilm mitzumachen. Wahrscheinlich um irgendetwas zu tun, was uns aus unserer Verlegenheit helfen könnte, schlug Pipilotti vor, dass wir mich mal googeln könnten, was sie sofort in Angriff nahm, in irgendeinem Büroraum der Galerie, unter uns die Lichter der einbrechenden mexikanischen Nacht. Was da rauskam, war natürlich eher mager. Ich habe bis heute keine eigene Website und tue wenig, um meine virtuelle Präsenz anzukurbeln. Gegenüber ihren vielleicht 120'000 Einträgen fühlte ich mich als die personifizierte Bedeutungslosigkeit. Was Pipilotti sofort aktionistisch zu überspielen versuchte und mir gar nicht so unrecht war.

BK: Warum Pipilotti Rist? Warum Michael Hegglin?
MH: Als ich 1994 Pipilottis Selbstlos im Lavabad zum ersten Mal sah, wusste ich, diese Künstlerin packt mich. Später sah ich I'm not the Girl who misses much und Ever is Over All - und es kam wieder zu Explosionen irgendwo in mir. Und als ich dann mit Pipilotti mal beruflich zu tun hatte, blieb mir der Atem weg ob so viel Mut, Offenheit und Kohärenz. Von da an hatte ich heimlich den Wunsch, über sie einen Film zu machen. Warum sie zusagte, müsste man sie selber fragen. Jedenfalls war ein Grund der, dass ihr ein Buch gefiel, das ich zusammen mit meiner Frau über Mexiko geschrieben hatte (Gebrauchsanweisung für Mexiko, Piper 1998), und das ich ihr nach unserem Treffen in Guadalajara zum Lesen gab.
BK: Gab es Szenen, oder nur eine Einstellung, die Pipilotti nicht mochte? Wenn ja: gab es auch solche, wo sie sich körperlich nicht mochte?
MH: Pipilotti bat uns kein einziges Mal, irgendetwas nicht zu drehen. Sie vertraute mir total, auch meinem Kameramann, Peter Hammann, der die ganz seltene Zaubergabe hat, beim Drehen zu verschwinden. Das einzige, was wir aus dem Film herausgeschnitten haben, war eine Einstellung, in der jemand so nebenher einen Satz über ihren Spielfilm Pepperminta sagt, von dem sie sich total missverstanden fühlte. Aber das waren vielleicht zehn Sekunden in einem Film, der 52 Minuten dauert, und an dem ich über die Zeitspanne von viereinhalb Jahre gearbeitet habe. Pipilotti beanstandete dagegen keine einzige Einstellung, von der sie fand, sie komme vielleicht optisch nicht so gut weg. Was nicht heißt, dass sie sich selbst gefiel. Aber sie ist souverän genug, zu dem zu stehen, was sie mir ganz am Anfang handschriftlich bestätigt hatte: "Ich bin dabei!! Endschnitt darf ich sehen mit Vetorecht (von dem ich wahrscheinlich sicher nicht Gebrauch mache)."

BK: Und das umgekehrte, wollte Pipilotti etwas drin behalten?
MH: Es gab da zwei kleine Konzessionen meinerseits. Pipilotti versteht sich als Firma, und es ging um wichtige Mitarbeiter, die in der Rohschnittfassung nicht so präsent waren. Eine dritte Person - Anders Guggisberg, mit dem Pipilotti fast alle Töne ihrer Videos macht - hätte auch ich gern präsenter gehabt im Film, doch leider war er - außer in Venedig - immer gerade dann nicht dabei, wenn wir dabei waren.
BK: Welche Szene, wenn Sie könnten, würde Sie gern in den Film einschmuggeln?
MH: Pipilotti liebt es, Teller leer zu schlecken. Einmal standen wir einen Abend lang blöd herum und haben uns unmöglich gemacht, weil ich das endlich im Film drin haben wollte. Sie hat uns den Gefallen nicht getan.
BK: War mal Kontakt mit persönlichen Grenzen?
MH: An Grenzen gekommen bin ich ab und zu durch Grenzüberschreitungen Pipilottis. Wenn sie zum Beispiel ihren oder meinen Unterleib ins Spiel brachte. Notbremse. Konnte vorkommen. Eher meinerseits.
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